Anregendes

..........................

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der blühende Frühling nicht trug,
Werde der Herbst dir noch tragen!

Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Immer zu schmeicheln, zu kosen.
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends verstreut er die Rosen.

Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
Bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.

Friedrich Rückert

Tante Qualle und der Elefant

Die Tante Qualle schwamm zum Strand.
Es liebte sie ein Elefant,
Mit Namen Hildebrand genannt.
Der wartete am Meeresstrand
Mit einem Sträußchen in der Hand.
Das übergab er ihr galant
Und bat um Tante Quallens Hand.
Da knüpften sie ein Eheband.
Der Doktor Storch, der abseits stand,
Der dachte: »Armer Hildebrand!«
Worauf er weiterging und lachte.
 
Warum der Storch wohl so was dachte ?
 
Vom liebsten Herrn Ringelnatz

 

..........................

Huschende Fledermäuse.
Zum Trocknen aufgehängte Kleider
Schatten dunkler Wolken


Ikaku (1661 - 1707), japanischer Dichter, Schüler Bashôs

..........................

 

und noch ein netter Pfingstgruß......

Wer ahnte, dass zum Weihnachtsfest
Cornelia mich sitzen lässt?
Das war noch nichts: zu Ostern jetzt
hat sie mich abermals versetzt!
Nun freu ich mich auf Pfingsten –
nicht im geringsten!

Heinz Erhardt (1909 - 1979)

 

.

Mai

Mit Maiglöckchen
läutet das junge Jahr
seinen Duft
Der Flieder erwacht
aus Liebe zur Sonne
Bäume erfinden wieder ihr Laub
und führen Gespräche
Wolken umarmen die Erde
mit silbernem Wasser
da wächst alles besser
Schön ist's im Heu zu träumen
dem Glück der Vögel zu lauschen
Es ist Zeit sich zu freuen
an atmenden Farben
zu trauen dem blühenden Wunder
Ja es ist Zeit
sich zu öffnen
allen ein Freund zu sein
das Leben zu rühmen.

Rose Ausländer (1901-1988)

.

 

Auf dem Hof

Sonnenschein fällt in das letzte Sprühen des Mairegens.
Der neue Leiterwagen dampft in die Sonne.
Ein Tropfen blitzt.
Unter ihm, in einer kleinen Lache, blauer Himmel und weiße Wölkchen.

Paul Ernst · 1866-1933

 

.............................................

Der alte Teich
Ein Frosch springt hinein
Vom Wasser ein Geräusch

Basho

...............................

Linguistik

Du musst mit dem Obstbaum reden.

Erfinde eine neue Sprache,

die Kirschblütensprache,

Apfelblütensprache,

rosa und weiße Worte,

die der Wind lautlos davonträgt.

Vertraue dich dem Obstbaum an

wenn dir ein Unrecht geschieht.

Lerne zu schweigen

in der rosa

und weißen Sprache.

Hilde Domin

 

...............................

FRÜHLING

 

Mit dem Akazienduft
fliegt der Frühling
in dein Erstaunen

Die Zeit sagt
ich bin tausendgrün
und blühe
in vielen Farben

Lachend ruft die Sonne
ich schenke euch wieder
Wärme und Glanz

Ich bin der Atem der Erde
flüstert die Luft

Der Flieder
duftet
uns jung

 

Rose Ausländer

...............................

"Beim Lesen habe ich das Gefühl, ich gewinne Zeit,
Lebenszeit, Aufmerksamkeit, Konzentration, Anregung, Bilder, Erfahrungen."
Julia Franck

.........................

Abend im Herbst.
Auf einem dürren Ast
hockt eine Krähe.
Matsuo Bashô

...leichter schlägt das Menschenherz

zwischen Februar und März

 

 

 

nach oben