Xanthippes Adventskalender

Liebe Adventskalenderfreund*innen

24 Tage etwas Besinnliches,Lustiges, Musikalisches, Farbiges-

lasst Euch überraschen.

Ich grüße Euch ganz herzlich

und wünsche allen eine möglichst entspannende Adventszeit.

Die Adventskalenderfrau aus der Xanthippe

 

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Mittwoch, der 12.12.2018

 


Ich zog mir einen Falken
                                  länger als ein Jahr.

Als ich gezähmt ihn hatte
                                  und er lieb mir war

Und ich um sein Gefieder
                                  goldene Zierat wand,

Da hob er sich in die Lüfte
                                  und flog in ein anderes Land.

Seitdem seh ich den Falken
                                  schön fliegen über die Länder,

Er trägt an seinem Fuße
                                  seidene Bänder,

Indes im Licht seine Flügel
                                  golden sich dehnen.

Gott sende gnädig zusammen,
                                   die nach Liebe sich sehnen.

 

Der von Kürenberg ( Dichter von Minneliedern im 12. Jahrhundert )

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Dienstag, der 11. Dezember 2018

 


Am späten Abend, wenn an meine Tür kopft

mein Selbst - wie ein Gast,

ermüdet und von Kälte ergriffen,

dann zünde ich eine Kerze an,

setze das Wasser zum Wärmen auf den Gasherd

und gebe ihm was zu essen, lass es ausschlafen im reinen Bett

und erzähle ihm auch Märchen letztlich.

Damit es am Morgen ruhig und reingewaschen

wieder seinen eigenen Pfad gehen kann.

 

Tamas Badsaghua (1959 - 1987 ) georgischer Lyriker und Übersetzer

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Montag, der 10. Dezember 2018

 

Abgewandt
warte ich auf dich
weit fort von den Lebenden weilst du
oder nahe.

Abgewandt
warte ich auf dich
denn nicht dürfen Freigelassene
mit Schlingen der Sehnsucht
eingefangen werden
noch gekrönt
mit der Krone aus Planetenstaub –

die Liebe ist eine Sandpflanze
die im Feuer dient
und nicht verzehrt wird –

Abgewandt
wartet sie auf dich –

 

Nelly Sachs ( 10.Dezember 1891 - 12. Mai 1970 ) Nobelpreisträgerin

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Zweiter Advent - Sonntag, der 9. Dezember 2018

 

Vielleicht habt ihr ja Zeit, heute zwei Kerzen anzuzünden,

Tee zu trinken und euch einen Film anzuschauen-

In der 3SAT Mediathek könnt ihr euch den Film WEIT. runterladen.

Faszinierend, berührend - ein schöner Film.

Vorab hier schon mal der Trailer dazu.

WEIT. Eine Reise um die Welt - Trailer

und ein bisserl  Filmmusik

WEIT. FILMMUSIK

 

P.S. Das Buch zum Film wurde als eines der schönsten deutschen Bücher gewählt.

Bei uns im Laden könnt ihr es euch anschauen.

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Samstag, der 8. Dezember 2018

 

Blätterfall

 

Da wirbeln sie

braun und vertrocknet

über die Dächer

drehen sich tanzend

um sich selbst

bevor sie zu Boden sinken

um sich nochmals vom Wind getragen

rascheln und kichernd

zu überschlagen

und aneinander zu kuscheln

vor Thujahecken

und moosigen Gartenmauern.

 

Das Sterben

so lustig sein kann.

 

aus: Franz Hohler   Alt?   Luchterhand

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Freitag, der 7. Dezember 2018

 

Wo kommt denn plötzlich
diese Weite in mir her –

mit dem Duft von Zimt und Kardamom,
der Fernsicht in andere Zeiten,

während um mich Alt und Jung
mit Tüten voller Glitzerkram
in alle Windrichtungen flitzt,
und am Strassenrand ein Mann
in sich versunken Akkordeon spielt?

Wo kommt denn diese Weite her,
die aus dem Nichts mich überfällt –

trotz Bise und tropfender Nase,
mitten im Lockvogelgezwitscher,
unter tausend goldnen Sternen,
die an den Drähten prangen?

Diese Weite –

mit von weiss nicht wo
vertrauten Klängen,
die Wehmut mit Heiterkeit paaren.

Als ob es
im Dickicht der Dinge
eine Lichtung gäbe.

 

Andrea Maria Keller, Vielstimmig, Gedichte, Edition Howeg

 

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Donnerstag, 6. Dezember 2018

 

Hi Ihr lieben Adventskalenderfans - heute ist Nikolaus.

Ich erinnere mich noch gut, wie meine Geschwister und ich am 5ten abends

unsere Stiefel aufs Fensterbrett gestellt haben - und morgens waren Nüsse drin,

eine Mandarine und Schokolade.

Vielleich habt Ihr ja Glück, und Ihr findet auch was in Euren Schuhen oder Taschen .

Wie auch immer - vielleicht könnt Ihr ja heute jemandem

etwas unerkannt in die Tasche stecken.

Freude machen - macht Freude.

 

 

 

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Mittwoch, der 5. Dezember 2018

 


VORWINTER

Überm Schattentümpel spreizt

Schon der Frost die Krähenfüße;

Von der Herbstes Rauch gebeizt

Fällt das Laub aus allen Bäumen,

Bitter riecht die Luft nach Schnee.

 

Und aus alten Kinderträumen

mild und weh

Reift nun die Dezembersüße.

 

Eugen Roth aus: DEZEMBER Gedichte Reclam

 

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Dienstag, der 4. Dezember 2018

 

Die Badewanne prahlte sehr.

Sie hielt sich für das Mittelmeer

Und ihre eine Seitenwand

Für Helgoländer Küstenland.

Die andre Seite - gab sie an -

Sei das Gebirge Hindustan,

Und ihre große Rundung sei

Bestimmt die Delagoabai.

Von ihrem spitzen Ende vorn

Erklärt sie, es sei Kap Horn.

Den Kettenzug am Regulator

Hielt sie sogar für den Äquator.

Sie war - nicht wahr , das merken Sie? -

Sehr schwach in der Geographie.

Dies eingebildete Bassin.

Es wohnte im Quartier latin.

 

Ringelnatz

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Montag, der 3. Dezember 2018

 

Wachsen dürfen

Eine Insel erfinden
allfarben
wie das Licht

In seinem Schatten
willkommen heißen
die Erde

Sie bitten
uns aufzunehmen
in Gärten

wo wir wachsen dürfen
brüderlich
Mensch an Mensch

 

Rose Ausländer aus: REGENWÖRTER  Reclam



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Erster Advent -  Sonntag, der 2. Dezember 2018   

 

Liebe Freund*innen - einen lichtvollen ersten Advent mit feinen Keksen,

Kerzen und Musik wünschen wir Euch.

Eure Xanthippen

 

Marici Saxes - Cantaloupe Island

 

 

Wenn einer fortgeht, muß er den Hut
mit den Muscheln, die er sommerüber
gesammelt hat, ins Meer werfen
und fahren mit wehendem Haar,
er muß den Tisch, den er seiner Liebe
deckte, ins Meer stürzen,
er muß den Rest des Weins,
der im Glas blieb, ins Meer schütten,
er muß den Fischen sein Brot geben
und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,
er muß sein Messer gut in die Wellen treiben
und seinen Schuh versenken,
Herz, Anker und Kreuz,
und fahren mit wehendem Haar!
Dann wird er wiederkommen.
Wann?
Frag nicht.

Ingeborg Bachmann (österreichische Schriftstellerin 1926 - 1973 )

 

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Samstag, der 1.Dezember 2018

 

Mein Reich ist klein und unabschreitbar weit.
Ich bin die Zeit.
Ich bin die Zeit, die schleicht und eilt,
die Wunden schlägt und Wunden heilt.
Hab weder Herz noch Augenlicht.
Ich trenn die Gut' und Bösen nicht.
Ich hasse keinen, keiner tut mir leid.
Ich bin die Zeit.

Da ist nur eins, – das sei euch anvertraut:
Ihr seid zu laut!
Ich höre die Sekunden nicht,
Ich hör' den Schritt der Stunden nicht.
Ich hör' euch beten, fluchen schrei'n,
Ich höre Schüsse zwischendrein;
Ich hör' nur Euch, nur Euch allein ...
Gebt acht, ihr Menschen, was ich sagen will:
Seid endlich still!

Ihr seid ein Stäubchen am Gewand der Zeit, –
Lasst euren Streit!
Klein wie ein Punkt ist der Planet,
Der sich samt euch im Weltall dreht.
Mikroben pflegen nicht zu schrei'n.
Und wollt ihr schon nicht weise sein,
Könnt ihr zumindest leise sein.
Schweigt vor dem Ticken der Unendlichkeit!
Hört auf die Zeit!

 

Erich Kästner

 

 

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