Xanthippes Adventskalender

Liebe Adventskalenderfreund*innen

24 Tage etwas Besinnliches,Lustiges, Musikalisches, Farbiges-

lasst Euch überraschen.

Ich grüße Euch ganz herzlich und wünsche allen eine freundliche Adventszeit.

Die Adventskalenderfrau aus der Xanthippe

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Einen warmen, wohligen dritten Advent wünscht Euch die Kalenderfrau

 

Sonntag, 17. Dezember 2017

 

Schwache Stunden

Am Strand von San Francisco hat der Mond
bisweilen eine blütenweiße Farbe,
und wer dann zufällig in San Francisco wohnt,
den schmerzt auf einmal eine alte Narbe.

Das hängt zusammen. Denn der Mond ist blaß,
scheint über mich persönlich nachzudenken,
und mit der Zeit schmerzt mich dann noch etwas,
vielleicht im Kopf, vielleicht in den Gelenken.

Natürlich sagen nüchterne Personen,
ich red mir das nur ein, ich phantasiere,
es gäbe seltsame Assoziationen,
da kriegt man plötzlich Schmerzen in der Niere.

Das geb ich zu. Ich habe schwache Stunden,
da glaub ich fest, daß ich in San Francisco bin.
Die gehn vorbei. Dann ist der Mond verschwunden
und nimmt die Schmerzen mit, wer weiß wohin.

 

Georg Kreisler 1922 - 2011 ( Komponist, Sänger und Dichter)
aus: Hellwache Nächte  reclam

 

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Freitag, 15. Dezember 2017

 

älterwerden

 

zögern mitten im satz

nachfragen wenn man glaubt
es verstanden zu haben

es nicht mehr eilig haben
mit dem wissenwollen

einen stein ein glas eine hand
länger festhalten als nötig

den ärmel des gegenüber beim reden berühren
zu spüren man ist noch da

ein buch einen blick eine haut verlieren
und nicht mehr finden wollen

erinnern statt sehnen

den gedanken: das alles ist nach mir noch da
trainieren wie einen muskel

gefühl als wäre jemand im zimmer

 

ulla hahn

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Donnerstag, 14. Dezember 2017

 

Nein


Dunkelheit und Angst


sind nicht dasselbe


ich will den Abend überreden


bei mir zu bleiben


das Unausgesprochene


bei mir zu lassen


das samtige Schweigen

 

Werner Lutz, Die Ebenen meiner Tage, waldgut 2015

 

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Dienstag, 12. Dezember 2017

 

Alles verloren?

 

Der einzige Überlebende eines Schiffsunglücks
wird an den Strand einer einsamen und unbewohnten Insel gespült.
Tag für Tag hält er Ausschau nach Rettung - vergeblich.
Schliesslich baut er für sich und seine wenigen Habseligkeiten
eine kleine Hütte aus Holz.
Eines Tages aber geht seine Hütte in Flammen auf.

Nun hat er alles verloren, er schreit und klagt vor Ärger und Verzweiflung.
Am nächsten Morgen hört er ein Motorboot.
Er springt auf, und tatsächlich, man will ihn retten.
" Woher wusstet ihr, dass ich hier bin?" fragt er glückstaumelnd seine Retter.
"Wir haben Ihr Rauchsignal gesehen."

 

Imre Kertész  Literarturnobelpreisträger  (1929-2016)

 

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Montag, 11. Dezember 2017

 

Dort, wo du bist: schreib ein paar Worte

In deinen Himmel. Schick sie her.

Ich fang sie auf an meinem Orte

Und sende sie, von Liebe schwer,

Zu dir zurück. In dieser Zeile

Wird unser Leben sich verbinden:

Geheimnis, das ich mit dir teile.

Und keiner wird die Lösung finden

Für dieses Rätsel im Gedicht.

Die anderen sollen dran erblinden:

So sehr sei es gemacht aus Licht.

 

 

Eva Strittmatter  Schriftstellerin und Dichterin  1930 - 2011

 

 

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Sonntag, 10. Dezember 2017 - der 2te Advent

 

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Samstag, 9. Dezember 2017

 

Als die Gazellen von den Löwen Mitbestimmung forderten,
waren die Löwen dagegen.
Es kommt noch so weit, daß die Gazellen bestimmen,

wen wir fressen, sagten die Löwen.
Sie beriefen sich auf eine unverdächtige Studie des WWF
und sprachen von Wildpartnerschaft bei klarer Kompetenztrennung:

Fressen auf der einen Seite, Gefressenwerden auf der anderen Seite.
Denn", so sagten sie, es liegt doch auf der Hand, daß einer nicht zugleich etwas vom Gefressenwerden und vom Fressen versteht.
Und den Entscheid, jemanden zu fressen,
muß schnell und unabhängig gefaßt werden können.
" Das leuchtete dann auch den Gazellen ein.
Eigentlich haben sie recht", sagte eine Gazelle, denn schließlich fressen wir ja auch."
Aber nur Gras", sagte eine andere Gazelle.
Ja, schon", sagte die erste, aber nur, weil wir Gazellen sind.
Wenn wir Löwen wären, würden wir auch Gazellen fressen.
" Richtig", sagten die Löwen.

 

Peter Bichsel - Schriftsteller  geb.1935 in  Luzern

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Freitag, 8. Dezember 2017

 

»Mir ist mein ganzes Leben zu Mut,
als ginge mein Weg oft an der Hecke

des Paradieses vorbei.
Dann streift mich warmer Hauch,

dann mein’ ich, Rosen zu sehn und zu atmen,
ein süßer Ton rührt mich zu Tränen,

auf der Stirn liegt es mir wie eine liebe,
friedegebende Hand – sekundenlang.

So streife ich oft vorbei an der Hecke des Paradieses …«

 

Christian Morgenstern  (1871 - 1914)

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Donnerstag 7. Dezember 2017

 

Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging,
Soviel Blut auch schreit,
Achtet dieses nicht gering,
In der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
Sich in Blüten wiegt,
Bleibe uns ein Fingerzeig,
Wie das Leben siegt.

 

Shalom Ben Chorin (1913 - 1999)

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Mittwoch, 6. Dezember

 

Ich nehme meine Hoffnung, gleich

einem blendenden Schatz,
aus meinem Herzen – ihrem Kästchen –
führ‘ sie zwischen Rosen spazieren,
verhätschle sie wie eine Tochter,
eine Schwester oder Braut,
betrachte sie endlos
… und verwahre sie wieder, allein.

 

Juan Ramón Jiménez, Herz, stirb oder singe, Diogenes 1977

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Dienstag, 5. Dezember 2017

 

Einen Schrank aufräumen

macht glücklicher

als eine Reise auf eine paradiesische Insel

Und falls man nicht glücklich wird

vom Schrank aufräumen

hat man wenigstens

einen aufgeräumten Schrank

 

Bodi Malmsten, schwedische Schrifstellerin (1944-2016)

 

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Montag, 4. Dezember 2017

 

"In dem ersten Winter,
wo ich noch wenig Menschen kannte,
ging ich oft weite Wege allein,
besonders am See entlang,
der dunkel unter wogenden Nebeln starrte,
und das waren besonders glückliche Stunden ahnungsvoller Träumereien."

 

Ricarda Huch 1864 - 1947

 

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Sonntag, 3. Dezember 2017  1. ADVENT

 

Eine ernste Sache mit

Humor betrachten,

heißt noch lange nicht,

ihren Ernst zu verkennen.

 

P.Bamm

 

und weil heute der 1. Advent ist, noch ein musikalisches Türchen zum Öffnen

Du bist wunderbar

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Samstag, 2. Dezember 2018

 

Zu kurz

Schnee im Haar
komm ich zu dir

leg dir meine Worte
zu Füßen

Du

traurig wie ich
weil der Tag zu kurz
das Jahr zu kurz
das Leben zu kurz

um das vollkommene
JA
zu sagen

 

aus: Rose Ausländer  Regenwörter  Reclam

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Freitag, der 1. Dezember 2017

 

Schlummermelodie

Hängt ein Stern in der Nacht,
Irgendwo –
Irrt ein Herz durch die Nacht –
Irgendwo –

Saust Wind im Wald,
Irgendwo –
Eulen-Schuhu hallt
Irgendwo –

Blüht ein Wunderbaum
Irgendwo –
In einem Traum –
Irgendwo –

Hängt ein Stern in der Nacht,
Irgendwo –
Golden ist der Mond erwacht –
Irgendwo –

Irgendwo –

Gerrit Engelke (1890 - 1918), dt. Arbeiterdichter aus Hannover, gefördert von Richard Dehmel, gefallen im Ersten Weltkrieg

 

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