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So zärtlich war Suleyken


Zwanzig Erzählungen sind in der Sammlung „So zärtlich war Suleyken“ versammelt. In einer dieser humorvollen Erzählungen kommt eine Impfkommission ins Dorf, will die Kinder impfen. Das passt doch wunderbar in diese Corona-Zeit. Am bekanntesten aber ist wohl die Geschichte von Hamilkar Schaß, Großvater des Erzählers; der - noch nicht lange des Lesens kundig - jedmögliche Zeit zur Lektüre nutzt; selbst bei akuter Lebensgefahr. Angesiedelt sind die Geschichten irgendwo in Masuren, die genannten Dörfer sind fiktiv. Verkündet heute einer, er würde nach Masuren reisen, erhält von Freunden und Freundinnen Beifall. Viele derselben Menschen würden indes den Kopf schütteln, würde er sagen, er reise nach Polen. Masuren liegt offenbar in einer Art Erinnerungsland; man stellt es sich verschlafen und behaglich vor; denkt an weite Landschaften, kleine Bauernhäuschen, Störche. Autor Siegfried Lenz (1926-) kannte sich dort aus, er stammte aus Lyck, das heute Elk heißt. Noch nie gehört? Elk, reizvoll gelegen am Lycksee, ist ein größerer Touristenort und bei Wassersportlern sehr beliebt. An der Uferpromenade stehen moderne Hotels und Pensionen. Historische Bauten hingegen gibt es kaum, die Stadt wurde im 20. Jahrhundert gleich zweimal zerstört: im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. In dieser seiner Geburtstsadt wurde Siegfried Lenz 2011 Ehrenbürger; er setzte ihr mit seinem Roman „Heimatmuseum“ ein weiteres literarisches Denkmal. Die Suleyker Geschichten zeigen mehr Humor, ich las sie erstmals als Jugendliche und genoss es, wie immer wieder die Handlung vom Realistischen ins Absurde gleitet. Nun, vierzig Jahre später, denke ich mir die Landschaft dazu, die Geschichte. Ja, ich finde es bemerkenswert, dass Siegfried Lenz damals (1955 erschien das Bändchen erstmals) noch keine dreißig Jahre alt war! Er war aus seiner Heimat vertrieben worden, lebte in Hamburg und erzählte ohne Trauer und Wut sondern mit Humor. Darin hatte er aber viel Wahres verpackt. Die Geschichten sind eine Liebeserklärung an eine Heimat - Ostpreußen -, die es nicht mehr gibt! Das Gebiet gehört heute zur Volksrepublik Polen, zu Europa. Vergangen ja, indes keineswegs vergessen. Die Geschichten lassen sich ganz ohne geschichtliches Wissen genießen; bieten aber, je mehr jemand weiß, außerdem Stoff zum Nachdenken. Ja, jede der Geschichten ist einfach köstliche Literatur.

Autor:in Mechthild Goetze
Bibliothekarin und ziemlich beste Literaturkennerin/vermittlerin