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Die Karte meiner Träume


Große Freude, „Die Karte meiner Träume“ ist diesmal unser Frühstücksbuch. Dieses geniale Buch über den 12-jährigen T. S. Spivet, der mit Güterzügen und LKW von Montana nach Washington reist, wo ihm die ehrwürdige Smithsonian Institution eine Medaille überreichen will. In Washington allerdings weiß niemand, dass der Mensch, den sie ehren wollen, erst 12 Jahre zählt, also noch ein Kind ist. T. S. will in Washington die Medaille in Empfang nehmen. Nun liegt Washington von Montana aus eine halbe Weltreise entfernt. Er holt sich keine Hilfe, besitzt weder Auto noch Führerschein, verfügt nur über wenig Geld. Mit seiner schweren Kartographen-Ausrüstung, Kleidung und dem Tagebuch seiner Mutter muss er zusehen, wie er einen Güterzug zum Halten bringt, damit er aufspringen kann. Ich-Erzähler T. S. (Tecumseh Sparrow) ist ein mehr als außergewöhnliches Kind. Seinen Vornamen Tecumseh teilt er mit seinen männlichen, aus Finnland stammenden Vorfahren und das S. - Sparrow - verdankt er einer Legende von einem Spatz. Ungewöhnlich ist seine ganze Familie. T. S. kann mit seiner älteren Schwester Gracie im Grunde genommen nichts anfangen, nennt seine Mutter - eine Forscherin ohne Erfolg - Dr. Clair, und sein Vater, ein handfester Farmer - ist ihm sehr fremd. Dann hatte es noch Layton, den kleinen Bruder gegeben. Der aber starb bei einem Unfall. Niemand in der Familie spricht darüber. T. S. - inmitten dieser Familie - zeichnet mit Leidenschaft Karten, er kartographiert wirklich alles. Autor Reif Larsen (*1980 in Cambridge/Massachusetts) - er studierte Creative Writing - schrieb diesen Roman noch als Student; und sein Debüt (Originaltitel: The Selected Works of T.S. Spivet) war 2009 sofort ein rundum gelungenes Spitzenbuch. Das Buch fällt schon allein deshalb auf, weil neben der Geschichte - am Rand - Karten, Bilder, Diagramme und Geschichten zu finden sind. Und wer genau schau, wird auf der letzten Seite die Losung des Romans entdecken. Da steht inmitten eines ganzseitigen Gemäldes in kleiner Schrift: „Alles ist Fiktion“. Fiktion kann mit Geschichten von anderen Welten LeserInnen völlig ihrer Umwelt entziehen. So erging es mir. Die Lektüre war seitenweise so mitreißend, so clever - ich war versunken wie selten. Das Buch ist große Kunst. Reif Larsen gelang das Kunststück, seine Figur T. S. nur über die Sprache zu gestalten - ganz nach der alten Weisheit aller Schreibenden: „Show, don’t tell“. Ohne jegliche Beschreibung ergibt sich dennoch ein ungemein facettenreiches und stimmiges Bild eines hochbegabten, aber auch problembeladenen Jungen. Den beschäftigt immer wieder seine Trauer um den kleinen Bruder - so kann man „Die Karte meiner Träume“ auch als ein Buch der Trauer und der Trauerverarbeitung lesen. Mich hat das Buch auch nach dem zweiten Lesen begeistert zurückgelassen.

Autor:in Mechthild Goetze
Bibliothekarin und ziemlich beste Literaturkennerin/vermittlerin